Thomas Niederbühl - Stadtratskandidat Platz 1 der Rosa Liste

Am 02. September 1989 saßen eine Handvoll Schwuler zusammen und fassten den, für die damalige Zeit mutigen, Entschluss mit einer eigenen Rosa Liste zur Stadtratswahl 1990 anzutreten. Der Einzug wurde 1990 und 1994, inzwischen als schwul-lesbische Liste, um nur wenige Zehntelprozentpunkte verfehlt und gelang schließlich 1996. Seither kämpft Thomas Niederbühl dort für die Belange seiner regenbogenbunten Wählerschaft. Achtzehn Jahre und kein bisschen leise – ein Gespräch.

 

Vom parlamentarischen Paradiesvogel zum alltagsfesten Stadtrat – ein weiter Weg?

 

Der weiteste Weg war, dass wir als Community-Vertretung überhaupt endlich Sitz und Stimme im Rathaus hatten. Das war wirklich eine Sensation. Am Anfang gab es sicher auch Skepsis bei Kolleg*innen und in der Verwaltung. Aber inzwischen bin ich wirklich fit, weiß, wie es funktioniert, die meisten Stadtratskolleg*innen akzeptieren und schätzen mich. Lesben, Schwulen und Transgender geht es so gut wie nie zuvor. Wir werden von Medien, Öffentlichkeit, Stadtverwaltung und Stadtpolitik nicht mehr übersehen. In der Rot-grün-rosa Regierungsmehrheit machen wir inzwischen Politik auf gleicher Augenhöhe. Es gibt also überhaupt keinen Grund, warum ich mich wieder von der Regierungsbank verabschieden sollte. Ganz im Gegenteil will ich den erfolgreichen Weg weiter gehen. Und zwar mit Rita Braaz an der Seite. Wir wären ein prima Team.

 

Achtzehn Jahre für ein München in dem sich Schwule, Transgender und Lesben akzeptiert und sicher fühlen können. Bist du mit den Ergebnissen zufrieden?

 

Selbstverständlich bin ich stolz auf den schwul-lesbischen Aufschwung der letzten Jahre. Das ist für alle ja auch am prima Klima zu spüren; nicht nur beim CSD, den wir zur politischen Mega-Party im Herzen Münchens gemacht haben. Dazu kommen die ganz konkreten Erfolge: z.B. die Koordinierungsstelle bei der Stadt; die Altenberatuntsstelle bei der Aids-Hilfe, das Jugendzentrum von Diversity, überhaupt der Erhalt und Ausbau unserer Projektelandschaft; dazu gehört die Unterstützung der Eurogames 2004, die städtische Sportlehrehrung mit der Gedenkinschrift im Rathaus; dazu gehört die Benennung des Karl-Heinrich-Ulrichs-Platz und das Aids-Memorial; das Tourismusamt wirbt aktiv um schwul-lesbische Gäste; ein Themen-Kulturpfad macht die schwul-lesbische Geschichte sichtbar; in der Dultstrasse entsteht endlich ein Kunstwerk zur Erinnerung an die homosexuellen NS-Opfer.

 

Da ließen sich noch viele Einzelpunkte aufführen. Grundsätzlich gestalten wir ein tolerantes und weltoffenes München mit, von dem schließlich alle profitieren Und das soll nicht nur so bleiben, sondern weiter ausgebaut werden. Ich persönlich würde gerne die rosa Altenarbeit ausbauen, mit Wohnprojekten, mit Fortbildungs- und Beratungsangeboten. In der Jugendarbeit muss das Jugendzentrum abgesichert und Wohnprojekte für schwul-lesbische Jugendliche geben, die zu Hause rausgeflogen sind. Und ich möchte mit Alexander Miklosy im Bezirksausschuss alles versuchen, unser Viertel mit seiner schwul-lesbischen Kneipenkultur, seiner bunten Wohn- und vielfältige Gewerbestruktur als „Heimat“ zu erhalten.

 

Welche Punkte sollen Dich für die Community in München unabdingbar wieder wählbar machen?

 

Trotz aller Akzeptanz erfahren wir im Alltag doch immer wieder auch Ausgrenzung, Abwertung und Defizite. Deshalb setzen wir auf wirkliche Gleichstellung für uns. Und auf Vielfalt als Bereicherung für die ganze Stadt. In unserem Wahlprogramm stellen wir auf 33 Seiten ausführlich unsere Stadtpolitik aus lesbisch-schwuler Perspektive dar und zeigen, wie wir uns eine Stadt der Gleichstellung, der Frauen, der Familien, der Kinder und Jugendlichen, der Vielfalt und Toleranz, von Selbstbestimmung und Sicherheit vorstellen. Da lassen sich beliebig viele Punkte rausgreifen: von der Förderung von Regenbogenfamilien über den Schutz privater Lebensgestaltung bis zur Gleichstellung schwul-lesbischer Freizeit- und Sportvereinen mit traditionellen Vereinen. Und weil es uns um Vielfalt und Lebensqualität geht, sind wir auch für die urbane Nutzung öffentlicher Plätze, für mehr bezahlbare Wohnungen, für den Verbleib der Daseinsfürsorge in kommunaler Hand, für einen attraktiven öffentlichen Nahverkehr und vieles mehr. Da lassen wir die Wähler*innen nicht im Unklaren.

Wer also Gleichstellung in allen Lebensbereichen, offene und versteckte Diskriminierungen abbauen, die vielfältigen Szene-Einrichtungen, überhaupt das Erreichte erhalten und ausbauen will, der hat mit uns eine Anwältin, Initiatorin und einen Motor für unsere Interessen als Lesben, Schwule und Transgender. Ich glaube, das habe ich erfolgreich gezeigt, und dafür stehen Rita Braaz und ich auch persönlich.

 

 

Ärgert es dich nicht, in der rot-grün-rosa Regierungsmehrheit Kompromisse zu machen, um dafür mit Zugeständnissen von den Mitkoalitionären bedient zu werden, die diese im Grunde gar nicht mittragen?

 

Nein, das ärgert mich nicht, weil es nicht stimmt. Mehrheiten waren von Anfang an einfach hilfreich, konkrete Erfolge durchzusetzen. Und das ist ja wohl das Wichtigste. Das sehe ich ganz pragmatisch: Erfolge brauchen Mehrheitsbeschlüsse, also Bündnispartner. Allein hätte ich gar nichts geschafft. Ob dann jede*r Kollege*in davon überzeugt ist, spielt für mich keine Rolle. Auch ich muss immer wieder mal die Hand heben, obwohl ich gern anders stimmen würde. Unbestritten war und ist Rot-Grün-Rosa gut für München.

 

Viel bedenklicher finde ich, dass im Wahlkampf jetzt fast alle Parteien ganz kalkuliert um schwul-lesbische Stimmen buhlen, aber nichts Konkretes vorweisen können.

 

Dann doch lieber gleich dem erfolgreichen Original die Stimme geben.